Heimladen skaliert erst, wenn es ohne Vorgaben für Mitarbeitende auskommt

Heimladen beginnt in den meisten Fuhrparks mit einer scheinbar einfachen Frage:

„Kann der Mitarbeitende zu Hause laden?"

Wenn ja – gut.

Wenn nein – kann man die Infrastruktur aufrüsten?

Doch diese Betrachtung greift zu kurz. In der Realität entscheidet nicht nur die technische Möglichkeit. Entscheidend ist, wie das gewählte Abrechnungssystem definiert, wie die Installation auszusehen hat. Und genau dort beginnt das strukturelle Dilemma.

Die ungewollte Vorentscheidung

Fuhrparks schreiben heute selten direkt eine Wallbox vor. Was sie tun: Sie wählen einen Dienstleister. Und viele dieser Dienstleisterprozesse funktionieren nur unter bestimmten Voraussetzungen — definierte Wallbox-Modelle, bestimmte Zählervorgaben, eingeschränkte Backend-Integration von Bestand, permanente Online-Anbindung, klar definierte Installateure oder Installationsstandards.

Damit reicht es nicht mehr, dass ein Ladepunkt existiert. Die private Infrastruktur des Mitarbeitenden muss systemkonform sein. Und wenn sie es nicht ist, muss sie angepasst werden. Oder man lädt eben nicht zuhause.

Von der Möglichkeit zur Normierung

In dem Moment wird das Zuhause des Mitarbeitenden Teil der Systemarchitektur des Fuhrparks. Es geht nicht mehr darum, ob geladen werden kann — sondern ob die Installation exakt den Vorgaben entspricht.

Wenn man einen Schritt zurücktritt, ist das ein ziemlich absurder Vorgang. Es gibt im gesamten Arbeitskontext kein Szenario, in dem der Arbeitgeber mitredet, wie beim Mitarbeitenden zu Hause irgendetwas installiert ist. Kein Unternehmen schreibt vor, welchen WLAN-Router jemand im Homeoffice nutzt, welchen Stromanbieter er hat oder wie sein Schreibtisch aussieht. Aber bei der Wallbox soll genau das plötzlich nötig sein?

Damit entstehen Prozesse: Abstimmung mit Vermietern oder WEGs, Austausch bestehender Wallboxen, Nachrüstung bestimmter Zähler, teure Lösung von Empfangsproblemen in Tiefgaragen, Backend-Kompatibilitätsprüfungen, technische Sonderlösungen bei PV oder Speicher.

Jeder einzelne Schritt ist lösbar. Aber in Summe entsteht ein hochkomplexer, individueller Prozess — für jeden einzelnen Mitarbeitenden.

Was in der Praxis passiert

Diese Komplexität führt selten zu einem offenen Strategiewechsel. Sie führt zu Pragmatismus mit einem Endergebnis: Dann eben nur öffentlich laden.

Am Ende werden nur die Fälle umgesetzt, bei denen alle Beteiligten schnell zu einer Lösung kommen: Der Mitarbeitende ist motiviert, der Vermieter stimmt zu, die Infrastruktur ist kompatibel, die Technik funktioniert ohne Sonderlösung.

Alle anderen Fälle bleiben liegen. Nicht aus Widerstand. Nicht aus mangelndem Willen. Sondern aus Prozessüberforderung.

Damit entsteht eine stille Selektion: Heimladen findet nur dort statt, wo es unkompliziert ist.

Sinkende Heimladequote — und was sie wirklich kostet

Wenn Heimladen nur unter Idealbedingungen funktioniert, bleibt die Quote strukturell unter ihrem Potenzial. Die Folge ist simpel: Mehr öffentliches Laden, höhere Energiekosten, geringere Planbarkeit, höhere Abhängigkeit von Preisstrukturen, die kein Fuhrparkleiter kontrollieren kann.

Wer öffentlich lädt, zahlt 60, 70 oder 80 Cent pro Kilowattstunde. Zu Hause oft deutlich darunter. Heimladequote ist kein Komfortfaktor — sie ist ein zentraler Kostenhebel. Und sie ist ein direktes Ergebnis der Systemarchitektur.

Das Skalierungsproblem

Solange ein System voraussetzt, dass beim Mitarbeitenden bestimmte Hardware installiert oder angepasst werden muss, bleibt Heimladen ein 1:1-Prozess: Ein Fahrzeug, ein Haushalt, eine individuelle Lösung.

Das ist beherrschbar bei 20 Fahrzeugen. Nicht bei 200. Und erst recht nicht bei 1.000.

Die Komplexität wächst nicht linear — sie kumuliert. Und mit zunehmender Verbreitung von PV-Anlagen, Speichern und bidirektionalem Laden wird das eher stärker als schwächer.

Kein Zuhause ist standardisierbar

Die Realität ist heterogen: Smart Home mit PV und Speicher, Mietwohnung mit bestehender Wallbox, Eigentümergemeinschaft mit Vorgaben, Tiefgarage ohne Mobilfunk, Altbau ohne digitale Infrastruktur.

Kein Unternehmen kann diese Vielfalt dauerhaft normieren. Wer es versucht, holt sich Komplexität ins Haus, die nichts mit dem eigenen Kerngeschäft zu tun hat. Im schlimmsten Fall bremst es sogar die Energiewende im Privathaushalt. Wenn der Arbeitgeber mir Hardware vorschreibt, die nicht kompatibel mit meiner PV-Anlage ist, worauf verzichte ich dann? Dienstwagen zuhause Laden oder sinnvolle Nutzung von grüner Energie?

Von der Hardware zur Plattform

Was ein Unternehmen eigentlich will, ist simpel: Jeden Ladeort nutzen, den ein Mitarbeitender bereits hat oder aufbauen kann. Und dahinter ein einheitliches System für Erfassung, Plausibilisierung, Abrechnung und Erstattung.

Der entscheidende Punkt ist, wo diese Einheitlichkeit beginnt. Nicht vor der Hauswand — sondern dahinter. Was der Mitarbeitende zu Hause installiert, welche Wallbox dort hängt, wie sein Stromnetz aussieht — das bleibt seine Entscheidung. Volle Freiheit beim Infrastrukturaufbau. Der einheitliche Prozess setzt erst dort an, wo der Ladevorgang erfasst wird. Ab diesem Punkt läuft alles standardisiert — unabhängig davon, was davor passiert.

Das ist der Unterschied zwischen einem System, das Normierung voraussetzt, und einem System, das Realität akzeptiert. Erst dann entsteht echte Skalierbarkeit.

Die strategische Dimension

Unternehmen, die Heimladen universell ermöglichen, erreichen deutlich höhere Heimladequoten. Das bedeutet niedrigere Energiekosten, höhere Planbarkeit, weniger Abhängigkeit von öffentlicher Infrastruktur und höhere Akzeptanz bei Mitarbeitenden.

Aber dieser Hebel funktioniert nur, wenn Heimladen kein Selektionsprozess ist. Sobald nur die einfachen Fälle umgesetzt werden, verliert das System seinen größten Vorteil.

Die erste Generation der E-Flotten war improvisiert. Die zweite versuchte, das Problem mit normierter Hardware zu lösen. Die dritte denkt vom Ergebnis her: Jeder Mitarbeitende mit Ladepunkt ist automatisch Teil des Systems — ohne Umbaubedingung, ohne Installationsprojekt, ohne strukturelle Hürde.

Das ist kein Feature. Das ist eine Architekturentscheidung.

Und sie entscheidet darüber, ob Elektrifizierung eine dauerhafte Komplexitätsquelle bleibt, oder ein echter strategischer Vorteil wird.

Wenn Heimladen nur dort funktioniert, wo alle Parteien schnell zustimmen, wird es nie sein Potenzial entfalten. Wenn es universell anschlussfähig ist, wird es zum steuerbarsten und günstigsten Ladeort im gesamten Fuhrpark.

Die Frage ist nicht, ob Heimladen möglich ist. Die Frage ist, wie vielen ich es zugänglich machen möchte.

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BMF-Schreiben zum Heimladen von Dienstwagen – Überblick und Einordnung